Amrumer Geschichten – Die sprechenden Grabsteine

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Es gibt nix neues aus dem Ländle und auch nich‘ viel aus Amrum. Wir überlegen was tun, es gibt viele Ideen zum verarbeiten, umplanen, verwerfen, träumen, durchrechnen, neumachen, streichen, usw., usw.. Langweilig!

Daher nun etwas zu Amrum. Im allerersten Blogbeitrag hatten wir sie schon kurz erwähnt – die „sprechenden Grabsteine“. Und versprochen ist versprochen: Jetzt erzählen wir endlich mehr über diese ganz besondere Sehenswürdigkeit mitten in Nebel (kein Schreibfehler, wie ihr mittlerweile wisst). Wer sich für die Geschichte Amrums interessiert, sollte dem Friedhof der St. Clemens Kirche unbedingt einen Besuch abstatten.

Was sich dort findet, ist nicht nur ein Friedhof, sondern ein Open-Air-Geschichtsbuch in Stein. Ganze 152 Grabsteine stehen wie in einer kleinen Galerie am Wegesrand – nebeneinander aufgereiht, ein jeder mit seiner ganz eigenen Geschichte. Und ja, sie „sprechen“ tatsächlich. Nicht über Lautsprecher, keine Sorge. Die früher abgelegene Insel geht mit der Zeit und hat viele Grabsteine mit QR-Codes versehen! Tradition trifft Technik – und das auf sehr charmante Weise. Und wer die Steine aufmerksam betrachtet und die QR-Codes scannt, der wird belohnt mit bewegenden, teils dramatischen Lebensgeschichten aus längst vergangenen Zeiten.

Die ältesten Steine stammen aus der Zeit zwischen 1678 und 1858. Sie gehörten meist zu Kapitänen, Walfängern oder Händlern – Männern, die den Wohlstand der Insel auf See suchten (und manchmal auch fanden). Nur wer es sich damals leisten konnte, ließ sich einen Stein mit kunstvoller Inschrift setzen. Denn das war teuer. Einige weniger betuchte ließen daher alte Grabsteine wiederverwenden – einfach die Inschrift abschlagen und neu meißeln. Recycling in der Barockzeit.

Viele dieser Steine lagen einst vergessen im Boden, verwittert und brüchig. Anfang der 2000er Jahre wurden sie wiederentdeckt, unter Denkmalschutz gestellt und mit viel Herzblut von einer lokalen Projektgruppe restauriert. Heute erzählen sie vom Schicksal und Reisen der Verstorbenen, Hochzeiten, Kinderreichtum – ja, selbst das Eheleben wird erwähnt (wobei man sich da bei manchen Inschriften fragt, ob die Ehepartner beim Text mitreden durften …).

Und weil es immer wieder sehr viel zu erzählen gab, sind einige Steine sogar auf Vorder- und Rückseite beschriftet. Einer der bekanntesten ist der von Hark Olufs, geboren 1708 in Süddorf. Ein echter Seefahrer, der nach abenteuerlicher Gefangenschaft in Nordafrika als wohlhabender Mann zurückkehrte. Sein Wohlstand begründete sich unter anderem auf seiner Stellung als Hofbeamter und dem Sklavenhandel – Stoff für einen ganzen Roman.

Die „sprechenden Grabsteine“ vor der St. Clemens-Kirche in Nebel

Besonders eindrucksvoll sind auch die eingemeißelten Schiffe. Manche stolz unter Segeln, andere schon abgetakelt und festgezurrt im Hafen – eine wunderschöne Symbolik für das Ende der Lebensfahrt.

So werden auch heute noch einzelne Familienschicksale von der Projektgruppe erforscht und liebevoll dokumentiert.

Ein Spaziergang zwischen diesen Steinen ist wie eine kleine Zeitreise – berührend, überraschend und irgendwie auch tröstlich. Denn wer so eindrucksvoll von seinem Leben erzählen darf, ist vielleicht gar nicht so ganz verschwunden.

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