Alles in allem waren es ein paar schlechte Wochen für mich. Meine Dämonen waren mal wieder aus ihren schwarzen Löchern herausgekrochen gekommen: es war der erste Todestag von meinem Vater, und die Erinnerung daran verfolgt mich. Ich durchlebe den Tag immer wieder, ohne dass es einfacher oder weniger schlimm wird. Die Erinnerungen lassen mir keine Ruhe. Im Englischen gibt es dafür einen guten Begriff: to haunt, was soviel bedeutet wie heimsuchen, spuken, quälen.
Unser Bauantrag liegt noch immer in der Warteschleife- und wir mit. Die elektronische Bauakte steht nach wie vor auf Rot, es fehlen noch Unterlagen vom Amt Eiderstedt und vom Amt für Umwelt und Naturschutz- ganz sicher wieder mal eine doppelte Anfrage, wollen wir wetten?
Gestern kam ein Brief von Tönning, eine Genehmigung für unsere Wasserversorgung. Bei genauerem Hinsehen war es das, was vom Amt Eiderstedt fehlt, das sich aber verlaufen hatte im Bürokratiedschungel. Kein Wunder geht da nichts voran, wenn alles erst über drei Umwege zum eigentlichen Empfänger kommt.
Aber langweilig wird uns deshalb nicht! Wir unternehmen viel, sind viel unterwegs, und es gibt in „meinem“ Haus in Bietigheim-Bissingen unglaublich viel zu tun. Wir müssen sichten, sortieren und ausräumen. Und dann sollten wir ja auch noch arbeiten, mal jeder in seinem Beruf, mal gemeinsam. Das bringt mich, zusammen mit dieser gefühlten Endlos-Schleife wieder mal an meine Grenzen. Und die Dämonen stehen parat und flüstern mir ein: “Du schaffst das nicht, warum strengst du dich denn noch an?“. In diesen Zeiten fällt es mir schwer, ihnen nicht zu glauben.
Aber inmitten von diesem Überfordert-Fühlen hat sich eine andere, verrückte Idee in meinen Kopf geschlichen.
Wie es aussieht, wird es sich ja noch eine Weile hin ziehen, bis mit unserem Haus begonnen wird. Wir sitzen hier im Süden und warten darauf, und warten und warten…. Und solange bezahlen wir Miete für unsere Wohnung und unsere zwei Arbeitsräume, was zusammen eigentlich mehr ist, als wir uns mit unserm Einkommen leisten können. Aber dank meinem Vater, den ich dafür verfluche und dem ich gleichzeitig unglaublich dankbar dafür bin, haben wir finanzielle Reserven.
Warum also nicht Anfang nächsten Jahres in den Norden ziehen, eine Wohnung für den Übergang mieten, egal wie weit unser Haus bis dahin ist?

Genauer betrachtet keine so schlechte Idee:
Die Mieten dort sind ein gutes Stück niedriger als hier, wir könnten damit unsere Ausgaben deutlich verringern.
Wir wären in der Bauphase vor Ort, könnten selber immer wieder auf der Baustelle vorbei schauen.
Wenn es an den Ausbau geht, bei dem wir ja auch das Eine oder Andere selber machen wollen, würde vieles einfacher. Wir müssen nicht eine Woche Urlaub machen um nach Tönning zu fahren in der Hoffnung, dass wir in der Zeit dann alles schaffen. Wir können dort dank der kurzen Wege arbeiten, wie es bei uns passt. Und wenn es doch ein bisschen länger dauert, müssen wir uns nicht mit Snickers trösten, sondern können entspannt abwarten.
Als wir beschlossen, mein Elternhaus zu verkaufen, tauchte eine ganz neue Herausforderung auf:
Unser neues Haus wird nicht sehr groß, deshalb können wir nur recht wenig nach Tönning mitnehmen. Als uns dass klar wurde, standen im Haus in Bissingen plötzlich Möbel ohne Zukunftsperspektive herum – zu schön zum Weggeben, zu sentimental für den Sperrmüll und zu speziell für potenzielle Käufer. Deshalb war klar: Die brauchen ein neues Zuhause. Schließlich hatte mein Urgroßvater einige von ihnen selber gemacht!
Nur… welches Zuhause?
Also, warum nicht ein wenig weiterdenken? Finanzielle Rücklagen wären ja vorhanden. Wie wäre es, das Geld in eine Ferienwohnung zu investieren? Oder noch einen Schritt mehr – ein kleines Ferienhaus, in dem nicht nur unsere Möbel, sondern auch ein Stück unserer Geschichte Platz finden könnten?
Was als „Vielleicht mieten wir für die Übergangszeit etwas in der Nähe“ begann, verwandelte sich innerhalb eines einzigen Tages – fast nebenbei – in: „Warum kaufen wir nicht gleich ein Häuschen, das als Kapitalanlage dienen und später als Ferienhaus vermietet werden kann?“ Und das natürlich wieder in unserer berühmten Eigengeschwindigkeit, die uns jedes Mal aufs Neue zum Staunen bringt.

Der Nachteil dieser Schnapsidee wäre, dass wir doch noch einmal mehr umziehen müssten. Aber, was soll’s? Ich bin in meinem Leben inzwischen 12 mal umgezogen, ob da jetzt noch ein oder zwei Umzüge dazu kommen, macht den Kohl auch nicht mehr fett (hüstel). Aber es würde einiges an Druck heraus nehmen, falls es doch länger dauern wird als erhofft und gedacht. Wir müssten keine Möbel oder Kartons zwischenlagern, falls mein Haus verkauft wird bevor unser neues Haus fertig ist.
So sind wir seit gestern, als ich die Idee das erste Mal ausgesprochen habe, fleißig am Häuser suchen, anschauen, beurteilen und in die engere Auswahl nehmen. Zum Beispiel eine Wohnung in einem ehemaligen Haubarg, also einem großen Eiderstedter Bauerhof- wie oben im Bild. Verrückt? Ja klar. Aber mal ehrlich, was habt ihr von uns erwartet? Dass wir auf einmal vernünftig sind? Vergesst es!

Und meine Dämonen? Die haben sich vorerst in ihre Löcher zurückgezogen und warten auf die nächste Gelegenheit, mir das Leben schwer zu machen. Ich bin sicher, dass diese kommen wird, aber hoffe, dass das immer seltener sein wir- bis sie irgendwann ganz weg bleiben.


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